Wie man eine Mitgliederversammlung nicht machen sollte

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Dieses (zugebebenermaßen qualitativ nicht hochwertige) Foto entstand gestern um 18:40 Uhr in der Fanhalle Nord des Fritz-Walter-Stadions in Kaiserslautern. Wobei. Es zeigt eigentlich nur den Gang vor/neben der Halle. Um 19 Uhr soll es losgehen. Es ist Mittwoch, der 9. Mai. Außerordentliche Mitgliederversammlung beim 1. FC Kaiserslautern. Organisatorisch ein einfaches Chaos. Ein Paradebeispiel, wie man eine eben jene nicht durchführen sollte. Eine nüchterne Organisationsanalyse.

Zur Jahreshauptversammlung am 11. November 2011 waren 809 Mitglieder anwesend. Die Halle war damals schon gut ausgelastet, bietet eben nur eine beschränkte Kapazität. Für die letzten Jahreshauptversammlungen stets ausreichend, sollte es bei dieser außerordentlichen Mitgliederversammlung jedoch ganz anders kommen.

Ca. 2.450 anwesende Vereinsmitglieder (unter anderem Ministerpräsident Kurt Beck, später mehr) stellen den Rekord bei einer Versammlung des Klubs. Das ist das Dreifache der letztjährigen JHV – und übertraf alle Erwartungen des Vereins. Das Resultat: Parkplatz-Schwierigkeiten, lange Warteschlangen beim Einlass, langwierige Sitzplatzsuche. Wenn man überhaupt einen Sitzplatz bekommen hat. Mehrere Hundert Mitglieder verbrachten die knapp fünfstündige Veranstaltung stehend. Viele Mitglieder mussten mit einem Platz vor einem Fernseh-Apparat im Gang verbringen.

Als der Aufsichtsrat schließlich einsah, dass man dem Ansturm entgegenkommen müsse, wurde die VIP-Ebene 1900 geöffnet, wohin die Mitglieder auch ausweichen könnten und (natürlich vorm TV sitzend) auch abstimmen konnten. Nach offiziellen Angaben namen genau 100 stimmberechtigte Mitglieder dieses Angebot auch an und machten es sich auf den gemütlichen Sitzen der Ebene 1900 bequem.

Kurz nach 19 Uhr eröffnete der Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Dieter Rombach die Versammlung – und gab die Leitung umgehend an den Ehrenratsvorsitzenden Michael Koll ab. Dies tat er zum Einen, weil auch seine Person zur Diskussion stand und er deshalb nicht als Versammlungsleiter auftreten wollte, zum Anderen, um einem eingereichten Antrag zur Wahl eines neutralen Satzungsleiters zuvorzukommen.

Anschließend wurde abgestimmt, ob die Versammlung dem zustimmt (laut Satzung ist eine Leitung durch den Ehrenrat nicht vorgesehen) und der Presse Zutritt gewährt. Zum ersten Mal wird es laut: Wie sollen die Mitglieder aus der Ebene 1900 und in den Gängen abstimmen? Koll meinte, das würde per Funk funktionieren; eine Kamera ist in der Ebene 1900 und liefert Bilder ebenjener in die große Fanhalle.

Koll möchte die Tagesordnung ändern und die Punkte „Aussprache des Aufsichtsrates, Vorstandes, Aussprache“ und „Annahme der Anträge“ tauschen, da die Anträge sich eventuell auf Dinge beziehen würden, die in den Berichten bereits geklärt werden. Bei einem Votum per Akklamation konnte keine Mehrheit festgestellt werden, woraufhin Koll eine schriftliche Abstimmung vorschlägt. Ein Mitglied meinte, wenn wir darüber schriftlich abstimmen würden wir heute noch im Fritz-Walter-Stadion sitzen, woraufhin die Abstimmung per Akklamation wiederholt wurde. Wieder konnte keine eindeutige Mehrheit ausgemacht werden, woraufhin Koll die Tagesordnung ohne eindeutiges Ergebnis ändern ließ. Große Proteste im Raum.

Nach den Berichten folgten einige (mehr oder weniger sinnvolle) Wortmeldungen. Auf deren Inhalte möchte ich jetzt nicht näher eingehen, mir geht es hier einzig und allein um die Organisation. Zugegeben, viele Wortmeldungen waren inhaltlich einfach totaler Mist und überhaupt nicht konstruktiv. Dennoch ist es nicht in Ordnung, dass Mitglieder, die berechtigte Einwände und Beiträge haben, so mit einer zeitlichen Befristung (2 Minuten) unter Druck gesetzt werden, dazu, dass einfach das Mikro abgedreht wird. Hier kann man auch anders reagieren, ganz schwach!

Bei der Abstimmung über die Annahme der Anträge dann ein weiterer Zwischenfall: Bei einem Antrag (Thema Offenlegung Vetternwirtschaft, Trainerdiskussion) sehen einige Mitglieder, dass die Mehrzahl für die Annahme des Antrags plädiert, während Koll feststellt, dass mehr negative Stimmen gezählt wurden. Es wird laut. Daraufhin entert Kurt Beck unaufgefordert das Podium und fordert lautstark die Mitgliederversammlung auf, den Antrag abzulehnen. Jetzt wirds richtig laut, viele Buh-Rufe und Pfiffe. Beck solle sich wie alle anderen auch per Wortmeldung ankündigen, gleiches Recht für alle. Unfassbar…

Überhaupt, einige Anträge wurden bei der Abstimmung im Tagesordnungspunkt Annahme nur kurz angerissen, oft wusste man nicht, worum es ging. Ein Antrag wurde auch von Herrn Koll falsch wiedergegeben (Antrag „Mehr Mitglieder“ mit mehreren Themen, Koll nannte nur das Thema „Gründung einer Fanabteilung), woraufhin eine weitere Diskussion entbrannte. Schließlich wurde jetzt schon um den Antrag debattiert. Ein anderes Mitglied meinte, er habe zwar nur vier Semester Jura studiert, aber er meine, man müsse trotzdem erst gemäß der Tagesordnung über Anträge abstimmen und erst dann würde darüber diskutiert. Weiter moniert wurde, dass man gerne eine Schalte zur Ebene 1900 hätte, um dort das Abstimmungsergebnis zu berücksichtigen.

Von insgesamt 38 Anträgen wurden so ganze drei angenommen, alle anderen wurden zurückgezogen, waren formal nicht korrekt, mit der Satzung nicht vereinbar oder wurden zu spät eingereicht. Von den dreien wurde dann auch im Nachhinein noch ein Antrag zurückgezogen.

Was bleibt? Ein fader Beigeschmack. Die Berichte des Vorstandes und Aufsichtsrates waren gut vorbereitet, zum Teil jedoch falsch. Dies wurde während der Versammlung jedoch aufgeklärt, und das sollte auch wie gesagt hier nicht das Thema sein. Ich wollte mich hiermit ausschließlich auf die Organisation der gestrigen Versammlung beziehen, die eines Bundesligisten (und auch eines Zweitligisten) mit einer solchen Tradition und so vielen Fans und Interessenten nicht würdig war. Kaum Platz, jede Menge Leute, die knapp fünf Stunden stehen durften, Leute wurden „auf den stillen Gang gesetzt“, denn dort wurden sicher auch einige Stimmen nicht berücksichtigt, bei nicht vorhandenem Blick vom Podium aus. Ich hoffe, man zieht die Lehren aus dieser Versammlung und macht es in Zukunft besser. Das war blamabel.

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