Ein Tag im Mai

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Es ist Sonntag. Halb Zehn Uhr. Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich war viel zu aufgeregt. Niemals war ich aufgeregter an einem Sonntagmorgen. Es war ein milder Maitag. Der Wetterbericht: Bewölkt, so um die 20 Grad.

Gefrühstückt? Habe ich kaum. Mein Magen ist viel zu flau. Ich krieg nix runter. Man sitzt an diesem Esstisch und ist einfach so unglaublich angespannt. Halb 1, endlich geht’s los. Ab zum Bahnhof, ab in die S-Bahn.

Vom Hauptbahnhof aus machten wir uns auf den Weg zum Stadion. Wie immer. Den Berg hoch. Wie das ganze Jahr schon. Doch heute ist kein Tag wie jeder andere. Wir stehen am Eingang vor dem Stadion, müssen ewig warten, bis wir rein kommen. Ein unglaublicher Andrang. Verzweifelte Menschen sind auf der Suche nach Karten, um bei diesem Alles-oder-nichts-Spiel dabei zu sein.

Die obligatorische Stadionwurst und die Cola, dann geht es hoch. In den Block. Die Stimmung? Merkwürdig. Ein unbeschreibliches Gefühl durchdringt den Körper. Eine Mischung aus Angst, aber auch Tatendrang. Auf der anderen Seite des Stadion, gut und gerne 7000 bis 8000 Kölner. Die sind letzte Woche schon aufgestiegen und möchten den Aufstieg feiern.

Kurz vor dem Anpfiff. Ein mächtiges Banner wird vor der Westkurve hochgezogen. Die Aufschrift? Kennt heute jeder. „Unzerstörbar“   prangt vor der Tribüne. Wir gehen mit dir mit, egal wohin es geht!

Das Spiel dümpelt so vor sich hin. Kurz vor der Halbzeit, die einzige Chance, durch einen Freistoß. Knapp über die Latte. Zur Pause 0:0. Die Ergebnisse auf den anderen Plätzen sahen nicht gut aus. Wir müssen dieses Spiel gegen den Aufsteiger gewinnen. Sonst steigen wir ab. In die Bedeutungslosigkeit. Es wäre vielleicht das Ende dieses einmaligen Vereins mit dieser einmaligen Historie gewesen.

Die 70. Minute. Konter der Kölner. Helmes frei vor Sippel. Er schießt durch dessen Beine. Der Ball prallt vom Pfosten ab, kullert die Linie entlang. An einem normalen Tag wäre dieser Ball drin gewesen.

Quasi, im direkten Gegenzug, Bellinghausen über links. Flanke in die Mitte. Simpson fasst sich ein Herz und zieht ab.

Erik Jendrisek. Nach wie vor der Erfolgreichste beim 1. FC Kaiserslautern. Und er soll Marcel Ziemer unterstützen, Simpsoooon… Und da ist das Tor! Da ist das Tooooooooooooooor für den 1. FC Kaiserslautern!

Live-Kommentar von Markus Jestaedt, Premiere

Ein Stadion explodiert! Ich erlebte selten einen geileren Torjubel! Es war unglaublich! Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen! Vor wenigen Wochen lagen wir noch mit 8 Punkten abgeschlagen auf einem Abstiegsplatz, aber mit Zusammenhalt und Herzblut hat man sich diese Chance erkämpft, heute den Klassenerhalt in der zweiten Liga sich selbst erkämpfen zu dürfen. Und jetzt? Sollten wir diese Chance tatsächlich nutzen?

Wenige Minuten später fing es an zu regnen. Aus allen Nähten. Fritz-Walter-Wetter im Fritz-Walter-Stadion! Wenige Sekunden später: Ziemer im Fünfmeter-Raum, trifft den Ball unglücklich, er springt an die Latte. An einem normalen Tag springt der Ball aus dem Tor. Dieser Ball prallt vor dem Tor auf und springt über die Torlinie. 2:0! Wie von Geisterhand! Es war unglaublich! Ich, und viele Menschen um mich herum bekamen Tränen in die Augen. Das alles, es war wie ein Zeichen. An einem normalen Tag wäre das Ding niemals reingegangen. Aber was ist an so einem Tag verdammtnochmal normal?!

Kurz darauf macht Ziemer noch das 3:0. Es war geschafft! Wahnsinn! Wer hätte das geglaubt!? Es ist unfassbar! Die Tore zum Platz wurden geöffnet, Unmengen an euphorisierten Menschen stürmen das Grün. Ein unglaublicher Moment, man konnte es einfach nicht fassen.

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Tausende und Abertausende machten sich nach dem Spiel auf dem Weg zum Stiftsplatz. Die Mannschaft zeigt sich später dort, an dem tausende FCK-Fans das Herzblutfinale sahen, die keine Karte mehr für das Spiel ergattern konnten. Schließlich kommt auch der Held des Spiels, Josh Simpson, auf Krücken und Schienen auf die Bühne. Er brach sich beim Spiel am Nachmittag das Bein. Doch an diesem Tag sollte ihm das wahrscheinlich egal sein.

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Sippel ergreift das Mikrofon. In den Wochen zuvor kamen Gerüchte auf, Sippel solle nach Mainz wechseln. Ein einfaches „Scheiß 05er!“, zuerst von Sippel, dann aus tausend Kehlen sollte diesen Gerüchten ein Ende bereiten. Die perfekte Antwort.

Man liegt am Abend im Bett, glaubt nicht, welche Szenen sich heute abgespielt haben. Es war unglaublich. Unfassbar. Ein Tag, den ich und alle, die dabei waren, nie vergessen werden.

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