Momente für die Ewigkeit

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Im ersten Stau in Bonn wurden wir schon nervös. Wir waren sowieso schon spät dran und die Stauzentren um Köln sollten erst noch kommen. Sie kamen, fielen aber nicht so schlimm aus wie befürchtet. Bei der Parkplatzsuche erhielten wir einen Geheimtipp, wir sollten im Wohngebiet Eisholz parken. Ein totaler Reinfall und ein Umweg, der uns nochmal ne dreiviertel Stunde Zeit kosten sollte. Wie dem auch sei, wir fanden schließlich zum Chempark und eine viertel Stunde vor Anpfiff in den Block.

Alsbald darauf ging es los – Anpfiff beim doch so ungleichen Duell zwischen unserem 1. FC Kaiserslautern und der Millionentruppe des Champions League-Achtelfinalisten Bayer Leverkusen. Auf dem Platz: Kein Unterschied zu erkennen.

Die Roten Teufel agieren taktisch unglaublich diszipliniert und mit einem Einsatz, der jeden FCK-Fan heute noch schwärmen lassen dürfte. Lautern stand dem TSV in überhaupt nichts nach, in der zweiten Halbzeit ist der FCK sogar das bessere Team. Leverkusen, das eigentlich den momentan besten deutschen Torjäger Stefan Kießling schonen wollte, musste diesen nach der Verletzung Derdiyoks Mitte der ersten Hälfte früher einwechseln als ursprünglich gedacht. Doch auch ein Kießling fand heute Abend gegen einen aufopferungsvoll kämpfenden und in der Verteidigung bockstark stehenden FCK nicht ins Spiel. Die Abwehr um Simunek und Torrejon stand bombensicher und ließ kaum Torchancen zu. Bayer-Coach Sami Hyypiä wurde bereits kurz nach Beginn der zweiten Hälfte hibbelig und brauchte alle seine verbleibenden Wechsel auf. „Bayer ist nervös“, hallte es aus dem Auswärtsblock.

Der Gästeblock war an diesem Abend gut aufgelegt und konnte das Spiel in Leverkusen zu einem Heimspiel machen (wenn auch nicht gänzlich unerwartet). Überall im Block war, je länger das Spiel 0:0 stand, die steigende Euphorie, Anspannung, aber auch der Glaube an das Team zu vernehmen. Kollektives Bibbern. Schon fast eine kleine Überraschung, dass der FCK die Partie so lange offen halten konnte, und wir so lange bibbern durften. Wir durften sogar über die 90 Minuten hinaus bibbern. Aber auch gewaltiges, lautes Anfeuern. Die Mannschaft gab den Fans das Gefühl, dass hier was geht. Die Fans gaben das in Form von donnernder Anfeuerung und Unterstützung gen Rasen zurück.

Nein, es war ganz gewiss kein hochklassiges Spiel gestern in der BayArena – aber ein unheimlich packendes und spannendes. In der zweiten Hälfte war der FCK sogar leicht überlegen, ohne jedoch die richtig dicken Chancen herauszuspielen. Verlängerung. In der 98. Minute folgte dann die große Chance, als Matmour einen zweifelhaften Elfmeter für sich gepfiffen bekommt. Mo Idrissou jedoch dachte sich in diesem Moment „Ein Idrissou braucht keine Geschenke“, und verschoss den Elfmeter freiwillig. Entsetzen im Gästeblock. Innerlich dachte ich schon „eigentlich war es das jetzt“. Aber die Kurve hatte anderes vor, und nach kurzem Berappeln ging es mindestens so lautstark und euphorisch wie zuvor weiter. Und auch auf dem Platz zeigte die Mannschaft Moral und sich gänzlich unbeeindruckt ob der vergebenen Chance. Es folgte die zweite Hälfte der Verlängerung. Und so unermüdlich wie die Lauternfans in der Kurve waren, so unermüdlich waren die Jungs auf dem Platz in den Zweikämpfen und in den Laufduellen. Und das sollte belohnt werden…

114. Minute. Matmour startet ein tolles Solo und spielt raus auf Idrissou. In der Mitte steht Lakic – hinter ihm hat sich Ruben Jenssen in Position gebracht und steht frei. Idrissou sieht den freien Norweger. Jenssen hat den Ball. „Ich hab mir gesagt ‚Bleib ruhig Ruben, bleib ruhig Ruben'“, erzählte er nach dem Spiel. Er zieht ab. Vorbei an den Abwehrspielern. Vorbei an Leno – und rein ins Netz. TOOOOOOOOOOOOOOOOOOR FÜR DEN FCK! Was eine gewaltige Explosion im Gästeblock, pure Extase! Ich muss – abgesehen von Idrissous Anschlusstreffer im Relegationsspiel in Hoffenheim – viele Jahre zurückdenken, um mich an so einen Torjubel erinnern zu können. Wahnsinn! WER hätte vor diesem Spiel mit einem FCK-Sieg gerechnet?! WER hätte uns in Leverkusen, beim Tabellenzweiten der Fußball-Bundesliga, zugetraut, zu gewinnen! Und WIE auch noch! Nicht irgendwie dreckig, unverdient, gemauert und ein Glücksschuss rein! Nein, einfach verdient gewonnen!

Nach dem Spiel wurde im Block noch lange Zeit gefeiert. „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! Wir holen den DFB-Pokal und wir scheißen auf den Meister! Europapokal, Europapokal!“ Sogar Coach Kosta ließ sich dieses mal zu Feierlichkeiten überreden und machte die Welle mit den Lauternfans. Und pünktlich zum Abpfiff setzte noch der Regen ein. Fritz Walter lässt grüßen! Was ein schöner Abend, ja nahezu perfekt. Ich hatte auch die ein oder andere Freudenträne in den Augen. Ich versuchte jeden Moment dieses atemberaubenden Abends aufzusaugen – denn diese Abende sind ganz selten. Und ich durfte dabei sein. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich konnte UNSER Glück kaum fassen!

Heute laufe ich schon den ganzen Tag grinsend herum. Ich bin so stolz, Fan dieses Vereins sein zu dürfen. Und ich bin auch wieder einmal stolz, Fan dieses Teams sein zu dürfen. Ein Team, dass sich aufopferungsvoll in jeden Ball geschmissen hat. Ein Team, das eine Abwehr gestellt hat, die Leverkusen zeitweise echt zur Verzweiflung trieb. Ein Team, das auch nach dem verschossenen Elfmeter weiter an sich glaubte. Ein Team, das so viel Herz und so viel Leidenschaft gezeigt hat. Ein Abend, der einige Gräben, die in der Abstiegssaison und der Saison danach entstanden sind, wieder enger werden ließ, vielleicht sogar ganz zu schließen vermochte. DAS wollen wir sehen, DAS ist Betze!

Und das Pokallos? Scheißegal. Ich bin so verdammt glücklich, dass ich bei diesem Spiel dabei sein durfte. Dieser Einsatzwille, diese Explosion im Gästeblock, das werde ich so schnell nicht vergessen. Der Abend wird noch lange im Gedächtnis bleiben. Ja, wahrscheinlich werden wir in München unsere Europapokal-Träume begraben müssen. Besonders bitter, wenn man bedenkt, dass sich dieses Jahr zum letzten Mal der Pokalfinalist für die Europa League qualifiziert, wenn der Pokalsieger schon über die Liga international dabei ist. Bei einem Halbfinale gegen Wolfsburg hätten unsere Chancen besser gestanden – und bei einem Sieg wäre die Europa League sicher gewesen. Scheißegal. Ich durfte gestern Abend bei einem magischen Moment dabei sein. Ein nahezu perfekter Abend. Nach dem 18.5.2008 und den Relegationsspielen gegen Hoffenheim einer der Top 3-Momente meines FCK-Fandaseins. Wie lange ich wohl noch mit diesem Dauergrinsen im Gesicht durch die Gegend laufen werde? Ich weiß es nicht. Aber ich werde auf jeden Fall wieder ein Grinsen aufsetzen, wenn ich Anderen, die dieses Spektakel nicht im Stadion miterleben durften, von diesem Spiel erzählen werde.

Das Pokalspiel bei Bayer Leverkusen und das Halbfinale bei Bayern München ist Thema in einer bald erscheinenden Sondersendung des FCK-Podcasts Betzegebabbel.

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