Mission: FCK

redditgifts soccer

Reddit habe ich vor ein paar Wochen für mich entdeckt. Im Grund genommen funktioniert die Plattform wie ein großer News-Aggregator: Menschen stellen dort eigene Texte oder Links ein und andere Nutzer können diese kommentieren. Fast wie ein Forum, nur in einer unfassbaren Größe: Knapp 6,2 Milliarden Seitenaufrufe hat die Seite weltweit – jeden Monat. Für quasi jeden Lebensbereich gibt es Teilbereiche (sogenannte Subreddits). Für Sport, Gaming, Politik, Medien. Fehlende Subreddits können die User selbst erstellen. Dabei kommt die Seite mit sehr wenig Werbung aus. Oftmals wird statt einer klassischen Anzeige auch Eigenwerbung für ein Subreddit oder einen besonderen Bereich auf der Seite gezeigt. So bin ich letztens auch auf eine besondere Seite von Reddit gestoßen: Redditgfits.

Die Idee hinter Redditgifts gleicht der des klassischen Wichtelns, wie es in hunderten Büros in der Weihnachtszeit unter Kollegen praktiziert wird: Jeder kann sich zu einem bestimmten Thema anmelden (Hockey, Simpsons, Comics…), bekommt einen anderen Reddit-User („Redditor“) zugelost und schickt ihm ein Geschenk, das ungefähr 20 Dollar kosten soll. Als ich auf die Seite gestoßen bin, lief gerade die Anmeldung zum zweiten „Soccer Exchange“. Ich habe mir interessiert die Galerie der Geschenke vom letztjährigen Tausch angesehen und schließlich gedacht: Einen Blick über den Tellerrand könntest du doch auch mal wagen. Und vor allem könntest du etwas viel wichtigeres dabei tun: Ein Stück FCK in die Welt hinaus tragen.

Bei der Anmeldung wird die eigene Adresse hinterlegt, ebenso eine kurze Beschreibung von sich, sein Lieblingsverein, seine Lieblingsspieler etc. Nach Anmeldeschluss bekommt jeder Redditor automatisiert einen sogenannten „Santa“ zugelost: Sein „Weihnachtsmann“, von dem man ein Geschenk erhält. Dieser bleibt zunächst geheim. Wessen Santa man ist, erfährt man natürlich: Ich durfte jemanden aus Florida beschenken. Er sei Fan vom FC Arsenal, sein Lieblingsverein aus Deutschland sei aber der FC Bayern. Er sei im letzten Jahr sogar bei einem Bayern-Spiel in München gewesen.

Nachdem ich mich von meinem ersten Schock erholt hatte, habe ich mich hingesetzt und mir Gedanken gemacht, wie ich ihm meinen Verein am ehesten schmackhaft machen könnte. Dabei kamen mir verschiedene Ideen, so dass ich anfing Stück für Stück ein kleines, aber feines Päckchen zusammenzustellen. Angefangen habe ich mit einem zwei Seiten umfassenden Brief – auf Englisch geschrieben – in dem ich den Verein, die Historie, ein paar ehemalige, bekannte FCK-Spieler und ein paar Zitate rund um den Verein und das Stadion beschrieb. Ich schrieb von den großen Spielen gegen Barcelona und Real, von dem legendären 7:4 gegen die Bayern und den Punkten, die doch einfacher per Post auf den Betzenberg geschickt werden sollten, von der Rettung am letzten Spieltag 2008 gegen Köln, und und und. Ich schrieb vom Spiegel als eines der größten deutschen Nachrichtenportale, das das Fritz-Walter-Stadion zur WM 2006 als Festung beschrieb, welche die Bürger der Stadt selbst erbaut hätten und zur Not Unterschlupf finden könnten. Ich schrieb von Guardiola, der nach einem 3:1-Sieg Barcelonas im Hinspiel der Champions League-Saison 2011/12 in Leverkusen Angst vor dem Rückspiel hatte, weil er wisse, zu was die Deutschen in der Lage seien, immerhin sei er 1991 in Kaiserslautern gewesen. Und ich schrieb von Jean Zimmer, der nach der Pokal-Halbfinalniederlage in München sagte, dass er nicht mit einem Bayern-Spieler das Trikot tauschen wolle, weil er ja schon ein Lautern-Trikot habe. Ich stellte ihm ehemalige FCK-Spieler vor, die er entweder vielleicht schon kannte (Klose als erfolgreichster deutscher Stürmer aller Zeiten, Michael Ballack als langjähriger Nationalmannschaftskapitän, Adam Nemec als Stürmer neben David Villa beim neu gegründeten MLS-Team New York City FC) oder unbedingt kennen sollte (Die Walter-Elf). Dazu legte ich ihm Bilder bei und beschriftete sie auf der Rückseite. Fritz Walter mit dem Jules-Rimet-Cup. Otto Rehhagel mit der Meisterschale. Die Westkurve, ein Mal mit der „Unzerstörbar“-Choreografie, ein Mal mit der Fritz-Walter-Choreografie zum Heimspiel gegen den VfB Stuttgart in 2010. Um das Ganze abzurunden, habe ich ihm ein FCK-Trainingsshirt gekauft und mitverschickt.

Insgesamt habe ich sehr viel Mühe in dieses Päckchen gesteckt. Nach ein paar Tagen Übersee-Lieferung kam das Paket schließlich auch in den Staaten bei meinem Match an. Und dem Bild und seinem Text in der öffentlichen Geschenke-Galerie zu urteilen habe ich wohl genau seinen Geschmack ge- und seine Erwartungen übertroffen:

„Ich habe unglaublich tolle Geschenke von meinem deutschen Santa bekommen! Ich habe tatsächlich gehofft, dass ich ein Paket von Übersee bekomme und etwas über einen anderen Klub lernen kann, und dieser Junge hat geliefert – und wie! Er hat zwei Seiten über seinen Verein geschrieben, die größten Momente in der Geschichte des Klubs, einige tolle Spieler, die dort spielten. Es war schön, das alles zu lesen. Ich bin echt Ich bin wirklich gerührt, weil du dir die Zeit genommen hast das alles zu schreiben! Außerdem hat er mir ein Shirt seines Vereins geschickt. Und schließlich vier Postkarten von unvergesslichen Momenten aus der Klubhistorie, die auch auf der Rückseite beschriftet sind. Ich habe zum ersten Mal bei einem Redditgift-Tausch teilgenommen und bin so happy mit dem, was ich bekommen habe! Danke dir vielmals! Letzes Jahr war ich in München, leider hatte ich dieses Geschenk nicht schon früher, ansonsten hätten wir uns sicher treffen können. Wahnsinn!“
Link zum Foto in der Redditgifts-Galerie

Es scheint, als hätte ich den Nerv getroffen, und meine Mission erfolgreich erfüllt: Ein Stück des Feuers, der Tradition, der Geschichte unseres Vereins weiterzugeben und zu verbreiten. Ein Stück FCK in die Welt hinauszutragen. Und wer weiß: Vielleicht sind wir ja nächstes Jahr wieder öfter international zu sehen, wie wir gegen Bayern, Dortmund, Schalke und Co. spielen. Lasst uns von unserer besten Seite zeigen. Als Einheit. Das ist die größte Werbung für unseren tollen Verein und seine Geschichte.

Achja, mein persönliches Geschenk kam heute ebenfalls an: Ein Trainingsshirt der San Antonio Scorpions, einem amerikanischen Profiteam aus der North American Soccer League (2. Liga in der Hierarchie). Auch dieses Team macht etwas Besonderes aus. In den USA sind die Mannschaften (sog. Franchises) in den Profisportarten nahezu alle einem Besitzer zugehörig und auf Profit ausgelegt. Alle Gewinne, die die Scorpions einnehmen kommen jedoch einem Vergnügungspark in San Antonio zu gute, der vor allem an Menschen mit Behinderungen gerichtet ist. Ich habe mich wochenlang auf mein Paket gefreut und war umso glücklicher, als ich es endlich in den Händen halten durfte. Dass ich so ein exotisches Team bekommen habe, ist umso schöner. Auf die fragenden Blicke bei der nächsten Bolzplatz-Session freue ich mich jetzt schon.

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